Linienschifffahrt

 

Erstbefahrung des neuen Jahrs. Verdient einen feierlichen Akt, Taufe zum Beispiel. Äquatortaufe zum Beispiel. Ganz ankündigungsgetreu ... siehe letzte woche . Dazu wieder was Aufgeschnapptes ... heißt: ich verzichte auf die quellenangabe ... :

 

»Jeder Seemann, ob jung oder alt, muss die Prozedur der Äquatortaufe über sich ergehen lassen.«

 

Füge natürlich noch die Seefrauen hinzu ... vorteil von quellenangabenverzicht, freihandelszone ... Also Äquatortaufe. Findet statt, wenn das Schiff die Äquatorlinie überfährt, heute überwiegend abgeschafft aus Zeitmangel, allerdings als Brauch auf deutschen Forschungsschiffen immer noch praktiziert, "wenn die Zeit es zulässt." ... quellenangabe wikipedia ...

Damit wären wir schon bei der Verbindung von Raum und Zeit. Der Äquator Ist natürlich eine geographische Linie, also räumlich, während die Jahresgrenze eine zeitliche Linie ist. Beide sind sie bloß gedachte, der Orientierung dienende Linien, auf Karte oder Kalender. Nächste Verbindung: unsichtbare Linien durch Raum und Zeit.

Und jetzt kommen wir zu einem weiteren zur Äquatortaufe gehörenden Seefahrtsritual, weil ja hier deutsches Forschungsschiff: Den Seeneulingen wurde ein Fernrohr gereicht, um nach dem Äquator Ausschau zu halten. Und da ließ sich immer eindeutig eine Linie sehen, war aber bloß ein zwischen den Gläsern eingespanntes Haar.

Beim neuen Jahr versucht man sich auch immer gern mit einem Ausblick auf das, was wohl kommen wird. Zeitliche Startlinienposition. Lässt sich aber eigentlich nichts sehen. Dennoch wird gern der Begriff vom Horizont verwendet, der in Sicht ist, also als klar wahrzunehmende Linie in der Ferne, wenn auch räumlich verschiebbar. Nur seit letztem Jahr eher durchgehend verschwommen, wie allgemein konstatiert wird.

Schlage also zur Jahreslinienüberschreitung folgende Versuchsanordnung vor: Wer unbedingt eine klare Linie sehen will, nehme ein Fernrohr zur Hand und spanne sich ein Haar oder einen Faden davor. Wie bei der Äquatortaufe. Geht doch, die Verbindung.

 

Ach ja, genauere Details und Erlebnisberichte zur Äquatortaufe (meistens sehr nass, schmutzig und eher brachial), sowie Originalablichtungen von Taufurkunden, finden sich zahlreich im weltweiten Netz – damit noch diesen Raum zu füllen, fehlt mir hier die Zeit. Bin ja auf einem Forschungsschiff unterwegs. Apropos Forschung, selbstverständlich gehörte die Äquatortaufe von Anfang an zu Hamburger Forschungsraumzeiten ... siehe auch b-logbuch-eintrag Erlesenes ...  Hier noch aus passendem Anlass ein Gästebuch-Eintrag aus der Schiffssehnsuchtsforschungsstube:

 

»Sehnsucht ist der Blick in die Ferne ... «

quellenangabe: volker, 15.9.18, magellan-terrassen hamburg

 

Und so vollendet sich der Kreis, es geht ja doch immer um die Sehnsucht. Apropos Kreis: das wäre dann die dritte Verbindung zwischen Äquator und Jahr, bei beiden geht's im Kreis ... na dann, bis zur nächsten Linie:

 

Leinen los & volle Fahrt voraus !

 

 

p.s. Es gibt übrigens auch noch die Polartaufe, bei Überfahrung des Polarkreises. Kalt genug wär's ja ...