Autobiografiktivkrimi

 

Supergeschichte! Wie gesagt, ist mir beim letzten Seegang zugetragen worden ... von einer Passagierin, die dieses Buch als Kindheits-Lieblingslektüre bei Alpenhüttenaufenthalten in Erinnerung hatte – die Geschichte einer Kapitänstochter, die an Bord des Segelfrachtschiffs ihres Vaters aufwächst:

»Ich spucke gegen den Wind«, Joan Lowell, 1929.

Musste ich mir natürlich unbedingt besorgen, so viele Geschichten von Frauen an Bord gibt es ja nicht und schon gar nicht von Kapitänstöchtern ... hatte wohl wirklich ganze Generationen von jungen Mädchen in Bann gezogen, Originalquelle aus erster Hand, endlich mal Seefahrtsleben pur. Zum Beispiel:

 

"In Romanen über die Seefahrt werden die Töchter von Kapitänen meist ganz anders geschildert: sie vertreiben sich die Zeit mit so hübschen weiblichen Beschäftigungen, doch für mich hatte die Jagd auf Kakerlaken, Ratten oder Wanzen stärkere Anziehungskraft."

 

Sie erlebt auch so einiges, gesalzene Erziehungsmethoden, karge Kost, Prügel, Übergriffe, Stürme, Windhosen, Skorbut, Seemannstod, Haiattacken und vieles vieles mehr bis zum finalen Schiffbruch ...

 

"Bei solchen Ereignissen habe ich mir immer überlegt, warum eigentlich die Menschen an Land glauben, die Tochter eines Segelschiffkapitäns hätte ein romantisches Leben."

 

Ihre Geschichte wurde sogar verfilmt, und schon vorher erschien ein Minifilm: »Sailor Girl« – findet sich hier. Der Dokumentarspielfilm  hieß dann »Adventure Girl« (1934).

Auch sonst findet sich so einiges. Nämlich, dass Lowell Schauspielerin war und sich natürlich im Film selbst gespielt hat. Und dass sie ihre Geschichte so hervorragend aufgeschrieben hatte, dass nicht nur alle Leser/innen, sondern auch ihr Verlag drauf reingefallen sind. Ein Rezensent schrieb sogar, dass so etwas nur auf See oder am Broadway  zu erleben sei ... er aber sicher nicht den Wahrheitsgehalt ihrer Erinnerungen in Frage stellen wolle. ... punktpunktpunkt.

Ist aber auch erstklassige Schiffsware ... alles drin, harter Tobak, jede Menge Abenteuer, rauhbeinige Seeleute mit dem Herz auf dem rechten Fleck und natürlich die Ausnahmen ... halt alles, was man nur auf echter Seefahrt erlebt:

 

"Eine wichtige Lehre, die ich im Seefahrtsleben zog, war: stets scharf zu beobachten. Buchweisheit wird im Sturm fast nutzlos und Wissenschaft eine "unbekannte Größe" ... Alles, was ich an Philosophie, Biologie und Astronomie gelernt habe, verdanke ich meinem Vater und unseren Matrosen."

 

... nur dass sie offensichtlich einen Marlspieker nicht vom Speigatt unterscheiden könne, meinte Hermann Melville und der musste es ja wissen.  ... hm, könnte ich das???  aber ist ja auch nicht mein fachgebiet, bin ja auf sehnsuchts-seefahrt ...

Also: sauberst gesponnenes Seemannsgarn, bin echt begeistert. Danke für den Tipp!

Ist übrigens wenig später alles aufgeflogen, der Verlag ist verklagt worden und musste hohe Entschädigungssummen zahlen. Hat aber die Kapitänstochter nicht wirklich gekümmert, sie hat ihren Film gedreht und später einen Kapitän geheiratet ...

Das ist doch endlich mal eine Story, große Seefahrtsliteratur.

 

Kurz darauf ist dann übrigens die noch echtere Geschichte einer Kapitänstochter erschienen: »Salt water taffy; or: Twenty thousand leagues away from the sea; the almost incredible autobiography of Capt. Ezra Triplett's seafaring daughter«. Sozusagen zur Rehabilitation von Seemannsgarngeschädigten, als nächste Trainingsstufe ...

 

Hui, schon spät. War heut' ein langer Tag auf See, musste ja erstmal so einiges hervorgeholt und herausgeputzt werden. Fortsetzung folgt ...  die Salt Water Taffy muss ich natürlich unbedingt noch anheuern!!!

 

Wünsche noch einen schönen Sonntag Abend und guten Landgang

~ die Kapitänin